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In Erinnerung an Werner Geier  

Am 12.11.2007 ist Werner Geier im Alter von 45 Jahren nach langer Krankheit von uns gegangen.

Stellvertreten­d für viele von uns, lassen wir Werner's journalistischen Weggefährten Martin Blumenau (FM4) mit seinem ­auf der FM4-Seite geposteten Nachruf zu Wort kommen.­

Nachricht von Werner.

Unlängst hab ich hier anlässlich des Geburtstags des stilprägenden Plattenshops Rave Up ein paar biographische Daten meines alten Kollegen Werner Geier eingewoben und dabei festgestellt, dass er zuletzt einige Male vorgekommen war, hier im Journal; als jemand, der mir hier assoziativ eingefallen ist oder auch als Bedeutungsgeber für ein wichtiges Wort.
Das ist insofern seltsam, als ich ihn ja (genausowenig wie der Rest der welt) seit Jahren nicht mehr gesehen habe.

Gestern dann äußerte meine Kollegin Marian Schönwiese leise Besorgnis, weil er, der Werner, ihr auf ihr letztes Hallo-wie-gehts-dir-Mail aus der Vorwoche nicht geantwortet hätte. Vor allem, weil die letzte, die davor Kontakt hatte (Mirjam Unger) sofort eine Antwort kriegte. Und ich, irgendwie von den zuletzt herumschwirrenden Assoziationen geleitet, sag ihr noch was in der Art von dass das wohl davon abhängen würde, wie gut er grade beinand wäre.

Heute Vormittag ist dann Marcus Makossa Wagner am Telefon und erzählt, dass Werner gestern gestorben sei.

Der Schock damals, als er von der Krankheit erfahren habe, sagt Matthias Schönauer, den ich im Lift treffe, wäre größer gewesen als der jetzt. Das hängt damit zusammen, dass damals (und das ist jetzt auch fast zehn Jahre her) schon klargewesen wäre, dass es sich um eine unheilbare, zum Tode führende Krankheit handelt, ein seltenes Nervenleiden, ein heimtückisches, nicht behandelbares Leiden.

Das Grausame an dieser Krankheit war, dass sie den Bewegungsapparat angriff, dass sie also all das, was für Werners Arbeit und Leben als Autor, Moderator, DJ und Produzent von zentraler Wichtigkeit war, stahl, seine Hände und auch seine Stimme.
Für mich war der Schock auch damals nicht so groß, weil diese Schwächung von Werners System schleichend voranschritt. Und wenn jemand über Monate lang immer undeutlicher spricht, wenn jemand sich über Monate hinweg immer mehr damit plagt, eine Platte aus der Hülle zu holen, dann fällt das nicht nur weniger auf, dann sieht das auch weniger schlimm aus.

Ich denke, dass sich auch der Werner in dieser leisen Veränderung lange zu sicher gefühlt hat. Auch weil das die Umgebung, Menschen wie ich, reflektierte.

Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit Katharina Weingartner, seiner ideologisches Partnerin bei Tribe Vibes, der Geburtszelle für die Beschäftigung mit HipHop in diesem Land und von österreichischem HipHop überhaupt.
Sie hat erzählt, wie lange sie brauchte, um Werner dazu zu bringen, sich doch von einem Spezialisten (ich glaube in Deutschland) untersuchen zu lassen, nachdem die heimischen Ärtze von seiner Krankheit (einer, an der weltweit vielleicht ein paar hundert Menschen leiden) einfach überfordert waren.

Andererseits, und das hab ich auch mitgenommen, klang in dieser Erzählung auch die Bedeutung des sozialen Netzes mit, das Werner stützte: seine Lebensgefährtin, seine Familie und enge Freunde.

Dass die Nachricht von Werners Tod irgendwann kommen würde, war allen klar. Als er sein Studio verkaufte, sein Label Uptight an Partner Rodney Hunter abtrat und sich komplett aus dem öffentlichen Leben zurückzog, als er vor allem seine riesige und immer mit höchster Liebe gepflegte Plattensammlung veräußerte, da waren alle, die ihn kannten, alarmiert, als hätte jemand einen Countdown ausgerufen.

Seitdem gab es nur noch Mail-Kontakt. Mein letzter mit ihm drehte sich um die Frage, ob er nicht Lust hätte, hier als Webhost aufzutauchen. Das Schreiben fiel ihm zwar, rein körperlich, auch nicht mehr leicht, aber als Nachdenker und Kulturkonsument wäre diese Form der Elektropost an die Außenwelt nicht nur machbar, sondern auch höchst sinnvoll gewesen.
Werner überlegte, listete ein paar Pros und Cons auf und entschloss sich dann, es nicht zu machen.
Das hatte wohl auch damit zu tun, dass er sich in allererster Linie als Radio- und Sound-Mensch verstand, der zwar mit seinen klugen, analytisch präzisen, genau beobachtenden und manchmal in zärtlicher Verwirrung poetischen Sätzen ein brillanter Autor, aber in erster Linie ein Performer war.
Jemand, der mit seiner Stimme und ihrer Modulationsfähigkeit arbeitet, jemand, der Musik als Basis und Bett und Ausgangs- und Zwischendurch- und Endpunk brauchte.
Als es mit seiner Stimme immer schlechter wurde, gab es den Plan, seine Sendung "Rough Mix" von jemand anderem lesen zu lassen. Auch das scheiterte nach einer Versuchsphase. Wohl auch, weil Werner sich nicht wirklich als Texter sah, weil er ohne die persönliche Verve, die er seinen Worten mitzugeben verstand, nicht auskommen wollte.

Werners Bedeutung für das, was man heute Jugend- und Popkultur nennt, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Er hat mit seiner Intensität und seiner Beharrlichkeit gleich drei verschiedene Genres befördert (das, was man heute Indie-Rock nennt, den gesamten heimischen HipHop, von den Machern bis zur Rezeption und auch einen großen Teil dessen, was man unter Wiener Downtempo zusammenfassen könnte) und darüberhinaus vieles andere (von der aufkeimenden Dance-Culture-Szene bis zu Noise-Spielarten) ermöglicht.

Er war da wohlgemerkt nicht der Einzige, aber der Vorderste und der Sturste. Er meinte es ernst.

Ich erinnere mich, als er einmal in der Kantine einer Ö3-Sekretärin erklärte, warum ihr Sender eigentlich den ganzen Tag Wire spielen sollte anstatt des Mainstream-Schrotts und warum genau das die wichtigeste und richtigste Popmusik zur Zeit wäre. Natürlich verstand sein Gegenüber nicht, was er meinte - es war ihr auch ein bisserl wurscht - aber ich sehe noch die Faszination vor mir, mit der sie den aufwühlend argumentierenden Werner betrachtete, und den Respekt vor seiner Sprache.

Werners große Stärke, seine Sturheit und Beharrlichkeit, war natürlich auch seine große Schwäche. Irgendwie zwang ihn da das Medium, sein Medium, das Radio, dazu irgendwann einmal auch fertigzuwerden, aber er fizzelte immer bis zum letzten Moment an Details herum, immer noch während der bereits laufenden Sendung.

Werner baute und produzierte - live war er nicht gut, weil er seine eigenen (idealisierten) Ansprüche da nicht erreichen konnte.
Dieser Ansatz verhinderte, dass er als Produzent effektiv arbeiten konnte - denn ohne Deadline bzw. in einem Jajamorgen-Business ist es leichter, das Fertigwerden bis an den St.Nimmerleinstag hinauszuschieben.

Werner brauchte also das Radio.
Und das Radio, speziell die Musicbox, brauchte Werner.

In einem Zentral-Komitee der sturen Böcke, der aufeinanderprallenden Meinungen und einem Klima des Dauer-Diskurses war es seltsamerweise der inhaltlich so extrem zielsichere Werner Geier, der im sozialen Redaktions-Leben auf Ausgleich und Konsens setzte. Teilweise bis zur Selbstverleugnung.
Werner fiel es schwer, das Wort "Nein" auszusprechen.

Er ließ sich lieber einen Gipsfuß verpassen und täuschte so einen Unfall vor ("mir ist der Kasten auf den Fuß gefallen!"), als eine Reise abzusagen, die er nicht machen wollte. Er ließ zu, dass ein verärgerter Freund nach der 17. nicht eingehaltenen Verabredung bei ihm zuhause die Feuerwehr rief, um die Wohnung aufzubrechen, anstatt vorher zu sagen: "Ich mag heute nicht."

Diese Absurditäten und Seltsamkeiten machten ihn, den Vorzeige-Könner, greifbar und angreifbar, auch im Wortsinn.
Genauso wie sein Interesse für Weltkriegs-Memorabilia, einem an sich anrüchigen Gebiet, das aus einem Interesse eines Teiles der New Wave-Bewegung an der technischen Faszination dem Nazi-Kult gegenüber speiste. Dass dieser Ansatz strikt antifaschistisch war, ist heute ebenso schwer zu erklären wie vieles, was in den seltsamen 80ern und später wie selbstverständlich passierte. Die Fachkenntnis zu bestimmten deutschen Panzer-Typen brachte Werner in den letzten Jahren im übrigen zu Ehren in Historiker-Kreisen und (via An- und Verkauf über eBay) auch einen Teil seines Einkommens.

Werner, der aus Mürzzuschlag nach Wien kam, wohnte lange Zeit bei mir um die Ecke, gegenüber meiner alten Volkschule. Für meine Mutter, die er öfter im Supermarkt traf, war er ein charmanter Plauderer, für seine Umgebung eine geschliffen höfliche heimische Version des jungen Morrissey, für seine Anhänger, die an seinen Lippen hingen, war er jemand, dem man komplett vertrauen konnte, dessen Urteil nicht in Frage gestellt wurde. Von seiner wirklichen Persönlichkeit gab er allerdings nie wirklich viel her: er trennte da recht strikt zwischen öffentlichem Bild und Privatem.

Das änderte sich, als sich sein Fokus änderte, als es ihm zuwenig wurde, "nur" über Kultur und Musik zu berichten, als er unter die Macher ging. In sein Uptight-Projekt hing er sein ganzes Herzblut, auch bis zu einer gewissen Verausgabung.

Als dazu dann das Ende der Musicbox-Ära kam, war Werner schwer getroffen. Er, der schon die letzten Box-Jahre gemeinsam mit Fitz Ostermayer eher lose geleitet hatte, konnte (und wollte) nicht wie andere seine volle Kraft in ein Nachfolge-Radioprojekt stecken.

Werner entwarf das Grund-Layout für FM4, beteiligte sich massiv am Aufbau der Musik-Spezialsendungen, war einer der leitenden Redakteure, aber er war nicht mehr mit vollstem Herzen dabei. Die Enttäuschung, über das neue Projekt das alte aufgegeben haben zu müssen, war zu groß; die Musicbox war ihm zu wichtig.
Rationale Argumente, dass es ein Ausgedinge auf Ö1 (die einzige damals anstehende Alternative) nicht bringen würde, unterstützte er zwar - froh wurde er nimmer.
Als sich in den Folgejahren dann erste Anzeichen der Krankheit einstellten, führte Werner das unter anderem auch auf diesen inneren Stress zurück; ein Irrtum, wie sich später herausstellte, einer, der zur weiteren Entfremdung beitragen sollte.

Um die Jahrtausendwende zog sich Werner dann in den Kosmos seiner Rough Mix-Sendung (einer stilübergreifenden Sound- und Text-Sammlung) und aufs DJen zurück, bis auch das nicht mehr möglich war.

Seitdem fragen sich Zeitgenossen und Weggefährten, wenn sie einander treffen in regelmäßigen Abständen, ob der jeweils andere denn etwas Neues vom Werner gehört hätte.

Und, ja, immer wieder gab es Lebenszeichen.
Und, ja, immer machten sie einen traurig, weil man ja wusste, dass hier soviel Potential und Wissen und Übersicht und Kraft existieren würde, die nach draußen wollte, aber nicht mehr konnte.
Und, ja, irgendwie gab es schon so etwas wie ein kollektives Bewusstsein, dass es irgendwann einmal, bald, heißen würde, dass der Werner gestorben wäre.
Und, ja, trotzdem hatte man doch Furcht vor diesem Tag.

Werner Geier im SRA

Nachruf von Martin Blumenau auf der FM4-Website

Nachruf von Robert Rotifer auf der FM4-Website

Nachruf von Charly Fluch auf derStandard.at

gepostet am 14-11-2007 16:15:00, mehr Artikel von SRA.at, mehr Artikel aus der Kategorie News